Titandioxid, der „Weiss“-heit letzter Schluß?

„Strahlendes Weiss“ als mißverstandene Moderne

Die Waschmittelhersteller machten es vor: In jahrzehntelanger Werbearbeit gelang es ihnen, „Das strahlendste Weiß“ als höchstes Ziel hausfraulichen Wirkens auf Hemden, Blusen, Bettbezügen zu etablieren. Von unserer Kleidung war es für das Weiß sozusagen nur noch ein Katzensprung (s. Alpina-Werbung) auf unsere Zimmerwände und Fassaden. Das Wundermittel, das die gleißende Helligkeit alpiner Schneefelder in unsere Wohnungen zu zaubern vermag, heißt Titan(di)oxid. Die Entwicklung großtechnischer Produktionsverfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnete dieser Substanz eine Vielzahl von Anwendungsbereichen und revolutionierte den Farbenmarkt.

Beim Mischen von Farbtönen kommt den Weißpigmenten eine besondere Rolle zu, da sie dazu dienen, Farbtöne aufzuhellen, zu homogenisieren oder zu korrigieren. Das erste brauchbare Weißpigment war im Altertum das Bleiweiß, dessen entscheidender Nachteil seine Giftigkeit ist. Erst rund 2000 Jahre später wurde es durch andere Pigmente wie z.B. Zinkweiß oder Lithopone ersetzt. Titandioxid hat mittlerweile jedoch alle anderen Weißpigmente hinter sich gelasssen. Aus technischer Sicht ist es das „leistungsstärkste“ Weißpigment. Titandioxid hat ein bestechendes Aufhellungsvermögen, verleiht Deckkraft und Homogenität und kaschiert so manche „Unzulänglichkeit“. Daher spielt es in der Farbindustrie eine wichtige Rolle und ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil vieler handelsüblicher Farben geworden.

Viele Menschen sind bei der farbigen Gestaltung ihrer Räume unsicher und entscheiden sich daher für ein „neutrales“ Weiß. Doch gerade das heute erhältiche Weiß der Baumarkt-30-Liter-Gebinde ist mitnichten eine neutrale Farbe. Das zugesetzte Titandioxid liefert einen Weißton, daß durch seinen hohen Anteil kurzwelligen Lichts im Reflexionsspektrum sehr strahlend, aber auch kalt und klinisch wirkt. Die früheren Anstrichfarben verwendeten Weißpigmente bestanden meist aus Kreide oder Kalk und wirken im Vergleich zu dem hygienisch sauberen Titanweiß etwas gelblich oder leicht vergraut, was für den Betrachter wesentlich harmonischer wirkt.
Das in der Werbung angepriesene strahlende Weiß bewirkt im Zusammenspiel von Bodenbelag, Einrichtung und Wand meist einen zu großen Kontrast und läßt den Raumeindruck in verschiedene Elemente zerfallen, anstatt durch eine sanfte Tönung dem Raum zu einem harmonischen Gesamteindruck zu verhelfen.

Oft wird die Farbe Weiß irrigerweise in umittelbaren Zusammenhang mit der klassischen Moderne des Bauhauses in Verbindung gebracht. Wer ein „modernes Ambiente“ möchte, wählt – eben: „Weiß“. Doch abgesehen davon, daß diese Farbe zu Gropius´scher Zeit noch eine ganz andere Rezeptur und damit auch Farbwirkung besaß: Das Bauhaus war in seiner Innengestaltung durchaus farbig, ja bisweilen geradezu bunt. Die „weißen Quader des Bauhauses“ sind zu großen Teilen ein Mythos, den auch heute zahlreiche Architekten nur zu gerne ihren Kunden verkaufen (müssen?). Einen sehr lesenswerten Artikel dazu gibt es auf TELEPOLIS (heise.de): Die Wiederentdeckung der Farbe im Bauhaus. Wie farbig es im vor 3 Jahren restaurierten Bauhaus in Dessau wieder zugeht, haben zahlreiche Fotografen z.B. unter flickr.com dokumentiert.

Die Farbenindustrie sieht Titandioxid naturgemäß unter einem etwas anderen Blickwinkel, wie z.B. in diesem Artikel: Tausendsassa Titandioxid auf www.farbimpulse.de.
Mehr zur Herstellung, den chemischen Eigenschaften und Umweltaspekten von Titandioxid unter http://www.seilnacht.com/Lexikon/Titandi.htm.

1 Kommentar zu „Titandioxid, der „Weiss“-heit letzter Schluß?“

  • Herb G sagt:

    Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Find ich klasse! Geradezu beängstigend ist, wo Titandioxid heutzutage überall drin ist, nicht nur in Papier und Farben, sondern auch in Zahnpasten, Kosmetika und sogar Lebensmitteln. Muß das denn sein?

Kommentieren

Über mich

Ich arbeite seit vielen Jahren als Dekorationsmalerin und habe in dieser Zeit viele Objekte für gewerbliche und private Kunden ausgestattet.